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Der ExpoGate Neujahrsempfang mit Prof. Dr. Bert Rürup

Als Megatrend der heutigen Zeit sorgt die Digitalisierung für einen tiefgreifenden Wandel in den verschiedensten Lebensbereichen. Die darauf aufbauende Industrie 4.0 ist die vierte große technologische Revolution der Menschheitsgeschichte. Jede einzelne von ihnen hat wegweisende Veränderungen für die Art und Organisation von Arbeit mit sich gebracht. Über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung sprach auch Professor Bert Rürup, Chefökonom des Handelsblatts und ehemaliger „Wirtschaftsweiser“ in seiner Rede beim Neujahrsempfang des ExpoGates am 24. Januar 2018. Er beschreibt die digitale Transformation als die Übersetzung analoger Tätigkeiten in eine von Maschinen lesbare Sprache.

Dadurch können die Tätigkeiten anschließend von miteinander kommunizierenden Robotern erledigt werden. Menschliche Arbeit verliert so ihre lokale Bindung, sie kann von fast überall aus erledigt werden. Das hat auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Erwartungen diesbezüglich sind zweischneidig: Einerseits hegt Deutschland große Hoffnungen auf eine daraus hervorgehende Effizienzrevolution. Andererseits bestehen mindestens ebenso umfassende Befürchtungen bezüglich Massenarbeitslosigkeit oder einem möglichen Einbruch der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik.

Als Land mit dem höchsten Wertschöpfungsanteil an industrieller Fertigung steht Deutschland im Umgang mit der Digitalisierung vor ganz besonderen Herausforderungen. Im Bereich der Rationalisierung der Fertigungsprozesse gehören wir im internationalen Vergleich zur Spitzengruppe. Allerdings macht sie nur einen Bruchteil der Digitalisierung aus. Ein weiterer wichtiger Bereich liegt in der Entwicklung von digitalen Produkten und digitalen Geschäftsmodellen.

Gerade bei Letzterem, der sogenannten Plattformisierung, hinkt die Bundesrepublik jedoch deutlich hinterher. Und geht damit ein großes Risiko ein. Wenn der Mittelstand in einigen Jahren dazu gezwungen ist, seine Produkte auf Plattformen anzubieten, verliert er möglicherweise durch die dann deutlich anspruchsvollere Kundenbeziehung sein Kapital.

Durch die mit der Digitalisierung einhergehenden Entwicklungen verschiebt sich auch die Bedeutung der Standortfaktoren. Die Verkehrsstruktur verliert an Bedeutung, dafür steigt die Relevanz der Netzstruktur. Arbeitskosten werden eine geringere Rolle spielen, ausgelagerte Produktionen vermehrt zurück nach Deutschland geholt. Gleichzeitig wird der rechtlich-institutionelle Rahmen, der beispielsweise den Schutz des geistigen Eigentums regelt, ein zunehmend wichtiger Standortfaktor.

Dass durch eine technologische Revolution Jobs wegfallen, ist ein altbekanntes Phänomen. Befürchtungen diesbezüglich hat es bislang vor jedem großen industriellen Umbruch gegeben. Historisch belegt wurden diese allerdings nicht. Zwar ist der Wegfall einiger Jobs bei tiefgreifenden strukturellen Veränderungen von Arbeit nicht zu vermeiden, allerdings entstehen parallel auch neue Jobs. Die Arbeit wird also nicht ausgehen, ihre Organisation verändert sich lediglich.

Es wird weniger Jobs im industriellen Bereich geben und dafür mehr im Dienstleistungsbereich, wie beispielsweise bei Wartung und Service. Gleichzeitig ist mit einer Polarisierung der Entgelte zu rechnen. Sowohl im Niedriglohnbereich als auch im Spitzenbereich wird es einen starken Zuwachs an Beschäftigung geben. Folglich wird ein Rückgang im Bereich der durchschnittlich qualifizierten Berufe erwartet; menschliche Arbeitskraft bei Routinetätigkeiten wird entbehrlicher. Die Arbeit der Zukunft wird damit voraussichtlich immer weniger sozialversicherungspflichtig sein.

In dieser Entwicklung sieht Professor Rürup die eigentliche Herausforderung der Digitalisierung. Sie liegt weder in einer drohenden Massenarbeitslosigkeit noch in dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Vielmehr besteht sie in der Umstrukturierung des Sozialsystems, das noch aus der Zeit Bismarcks stammt. Das digitale Unternehmen der Zukunft hat kein nennenswertes Realkapital mehr, und deutlich weniger Beschäftigte als es bei einem produzierenden Gewerbe der Fall ist. Dementsprechend zahlt es neben der Gewinnsteuer kaum Abgaben, und kann zudem als internationales Unternehmen seine Steuerlast exportieren. Die Herausforderung besteht also darin, ein System zu entwickeln, das auch diese Unternehmen in die Finanzierung des Allgemeinwesens integriert.

Um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, ist es daher zentral, veraltete Strukturen, die den Ansprüchen moderner digitaler Unternehmen nicht mehr gerecht werden, zu erneuern. Darunter fällt die Schaffung eines dynamischen Rechts für geistiges Eigentum, alternative Lösungen für die Besteuerung digitaler Unternehmen sowie ein gesellschaftliches Klima, das auch den Verlierern der Digitalisierung einen Aufbruch in die Industrie 4.0 ermöglicht.